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Interview mit Talco

( Talco )

by euSKAdi , 2008

Skalender hatte die Möglichkeit, sich am zweiten Talco Konzert überhaupt in der Deutschweiz, mit Dema (Gesang) und Cioro (Saxophon, italienisch-englische Übersetzung) vor der Show zu unterhalten. Vielen Dank an die Organisatoren um Bitxidenda!

Skalender:

Hallo Dema und Nico. Wie geht es euch und Herzlich willkommen zum ersten Konzert von Talco hier in Luzern. Erzählt uns etwas über die Band Talco: Was sind eure musikalischen Charakteristiken und wie würdet Ihr eure politischen Absichten beschreiben, die Ihr hauptsächlich mit eurer Musik verbreitet?

Talco:

Wir haben uns im Jahr 2000 zusammengetan aber offiziell existiert das Projekt Talco erst seit 2003 mit den Aufnahmen und der Veröffentlichung von Tutti Assolti. Wir würden unsere Musik als Patchanka umschreiben mit Ursprüngen und Einflüssen von Bands wie Mano Negra, Gogol Bordello aber auch Einflüssen aus modernen Balkan Beats. Wir mischen alles zusammen und verbinden es mit Punk. Das sind unsere musikalischen Roots. Unsere Politische Aussage ist eng verknüpft mit der italienischen Situation und politischen Lage in Italien aber auch der Aussenpolitischen Ereignisse der Grossmächte auf dieser Welt. Ein wichtiger Teil ist sicher die Resistenca (der italienische Widerstand) aber auch die Bekämpfung der neuen faschistischen Ideen und Bewegungen in Italien aber auch in anderen Ländern.

Skalender:

Was sind eure musikalischen Ursprünge und was waren und sind eure Ziele mit Talco?

Talco:

Zuallererst wollen wir sicher mal Musik machen und in kleinen Schritten auch versuchen Talco und was es verkörpert zu einer Art Lifestyle zu machen. Gerade im Moment ist es nicht die einfachste Phase in der Geschichte von Talco, weil wir neben der Arbeit mit der Band auch alle arbeiten müssen, um leben zu können. Es ist nicht einfach die Arbeit und die Musik nebeneinander zu machen. Wir spielen viele Konzerte aber wir können nicht davon leben. Wir spielen meistens an den Wochenenden und machen 2-3 Tours pro Jahr, aber es ist nicht so einfach. Wir würden Talco gerne zu unserem Leben machen! Das ist unser Ziel mit Talco und natürlich unsere Inhalte zu verbreiten.

Skalender:

Ihr seid in Marghera in Italien aufgewachsen. Songs wie Tutti Assolti oder La Fabbrica del Dissenso haben Verbindungen zu dieser Stadt: was gibt es über Marghera zu sagen/wissen?

Talco:

Tutti Assoltti wurde für Marghera, für die Situation in Marghera geschrieben und aufgenommen. La Fabbrica del Dissenso enstand in einer Zeit als es grosse Aufstände und auch Strassenkämpfe gab in Marghera aufgrund der extremen Luftverschmutzung durch die petrolchemischen industriellen Abfälle, welche Todesopfer forderten. Wir wollen mit diesen Liedern vor Allem auch die extremen Unterschiede in der administrativen Behandlung durch die Behörden zwischen Stadtzentrum und den Aussenbezirken aufzeigen in Marghera. Die Behandlung der Aussenbezirke durch die Politik und Administration war katastrophal in Marghera.

Skalender:

Ihr werdet oft mit SKA-P aus Madrid verglichen. Wie geht Ihr mit solchen Vergleichen um und kennt Ihr Sie näher? Gibt es andere Bands mit denen Ihr ein persönliches Verhältnis pflegt?

Talco:

Wir mögen die Musik von SKA-P sehr gerne. Auf Tutti Assoltti waren wir sehr stark von SKA-P beeinflusst, danach haben wir unserer Musik eine viel persönlichere Marke gegeben. Wir kennen einige der SKA-P Bandmitglieder persönlich. Der Gitarrist zB hat ja auch bei No Relax gespielt die letzten Jahre. Wir hoffen einmal mit Ihnen gemeinsam auf der Bühne zu stehen, aber bisher ist das noch nicht zustande gekommen.

Skalender:

Was ist die Bedeutung und der Ursprung eures Bandnamens?

Talco:

Das ist eine lange Geschichte (Cioro lacht). Kennst du Talco das (chemische) Pulver? Das ist eigentlich die Übersetzung. Es ist eine lange Geschichte (willst du sie erzählen, Dema?) Es ist eine lustige Geschichte: Als wir noch jung waren so um 1999 rum. Wir haben mit Talco gespielt (dem Pulver) und rumgeworfen; wir waren noch idiotische Kinder und hatten unseren Spass daran und daraus ist unser Bandname entstanden.

Skalender:

Aus Italien kommen einige sehr bekannte und populäre SKA (Folk) Bands wie Banda Bassotti, Persiana Jones, Attarassia Group, Klasse Kriminale, Modena City Ramblers usw. Hierzulande (vorallem in der deutschsprachigen Schweiz) sind Talco nahezu unbekannt: Seht Ihr Gründe für diesen Umstand und wie ist euer Bekanntheitsgrad in Italien und anderen Ländern?

Talco:

Wir haben bisher vor Allem in Deutschland, Spanien und Osteuropa gespielt und haben erst vor kurzem auch in der Schweiz Konzerte gegeben. Das ist der Grund wieso wir hier nicht so bekannt sind. Heute Abend ist ungefähr die 5te Show in der Schweiz. In der Deutschschweiz haben wir glaube ich noch gar nie gespielt. In Italien sind wir bekannt. Ich denke die Leute kennen uns. Aber in Italien ist die Situation etwas anders. Es ist sehr schwierig Konzerte zu organisieren. Die alternative Musikszene ist sehr schwach und die Promoter können und wollen die grossen finanziellen Risiken nicht eingehen. Im Verhältnis spielen wir vielleicht eine Show in Italien und 10 Shows in anderen Ländern.

Skalender:

Was sind eure Aktivitäten neben Talco? Gibt es andere Projekte oder (politische) Kampagnen, die ihr aktiv unterstützt oder mitträgt?

Talco:

Wir müssen neben Talco sicher noch für unseren Lebensunterhalt aufkommen. Einige von uns arbeiten und andere studieren. Einige von uns spielen neben Talco noch in anderen Bands - aber nur lokale, unbekannten Bands, mehr zum Spass mit Freunden ohne grosse Ambitionen.

Skalender:

Wir haben noch einige Fragen zu euerm neuesten Album Mazel Tov, welches vergangenen Frühling veröffentlicht wurde: Was ist die Bedeutung dieses Albumtitels aus dem jiidischen?

Talco:

Wie du bereits gesagt hast stammt der Ausspruch aus dem jiidischen und heisst so viel wie alles Gute (Good Luck). Die Juden verwenden diesen Ausspruch um sich was Gutes zu wünschen für die Zukunft oder auch als Prostspruch. Wir haben diesen Albumtitel vor allem auch ausgewählt, weil es einige personelle Veränderungen in der Band gab. Wir hatten eine kritische Zeit hinter uns, in der wir auch darüber nachdachten das Projekt Talco ganz auf zu geben, wegen Problemen untereinander. Als wir uns entschieden haben Talco mit zwei weiteren Bandmitgliedern (Posaunen- und Bassspieler) weiterleben zu lassen, war das wie der Beginn eines neuen Lebens und wir wollen uns alles Gute wünschen für diesen neuen Abschnitt. Und es ist auch der Titel eines berühmten jüdischen Klezmer Songs, das ist der eigentlich Ursprungsgedanke!

Skalender:

Ihr habt auf Mazel Tov den argentinischen Song La Mano de Dios (Ein Hommage an den Fussballer Maradona) gecovered und den Hidden-Track St. Pauli aufgenommen. Was ist eure Verbindung zu Fussball und was bedeutet er für euch?

Talco:

Wir mögen Fussball! Wir spielen selber gerne Fussball und wir haben gerne Fussballspieler. Natürlich sind wir alle Italiener und nur schon dadurch ist Fussball ein wichtiger Teil unseres Lebens. wir mögen aber nicht alles, was hinter dem Fussball steht, wie Übertragungen im TV, Interviews, die allgemeine Popularität vor Allem hier in Italien. Im Fernsehen wir immer über Fussball berichtet und das gefällt uns nicht besonders. wir bevorzugen es viel mehr Fussball in seiner Natur zu sehen und die Kultur zu leben. Das ist wahrscheinlich auch ein Grund wieso wir Maradona so lieben: er war ein grossartiger Fussballer.

Skalender:

Der Track Radio Aut wurde dem bekannten Anti-Mafia Aktivisten Peppino Impastato gewidmet, welcher durch die italienische Mafia ermordert wurde. Wie ist die Situation Heute im Kampf gegen die Mafia. Hier in der Schweiz ist dies ein recht stillgeschwiegenes Problem.

Talco:

Eigentlich hat sich bis heute nichts verändert (Impastato wurde 1978 ermordert, Anmerkung von Skalender) seitdem Peppino ermordet wurde. Die Mafia existiert immer noch und hat immer noch einen enormen Machteinfluss auf viele Bereich im italienischen Alltag. Die Mafia hat immer noch viel Entscheidungs- und Einflusskraft in der italienischen Politik. Die politische Partei, welche aktuell in Italien an der Macht ist, ist aus Teilen der Cosa Nosta hervorgegangen und es gibt natürlich immer noch gewisse Verbindungen. Die Leute, die über die Machenschaften der Mafia im Bild sind oder von ihr weggekommen sind, haben eine enorme Angst darüber zu reden. Gerade darum hat sich nichts geändert, weil diese Leute so unter Druck gesetzt wurden und so das ganze Mafiasystem gestärkt wird. So muss leider gesagt werden, dass sich praktisch nicht verändert hat.

Skalender:

Diari Perduti auf dem Album Combat Circus und Il Lamento del Mare auf Mazel Tov habt Ihr zusammen mit der weiblichen Stimme von Federica Gozzo aufgenommen: Was könnt Ihr uns über Sie erzählen?

Talco:

Ja Federica Gozzo: Sie ist eine Freundin von uns und sie kommt aus Argentinien und hat den Song Diari Perduti (Vocal Part)auf Combat Circus geschrieben. Weil wir die weibliche Stimme sehr mögen haben wir uns entschieden auch auf dem neuen Album einen Song mit Ihr auf zu nehmen. Wir lieben diese langsamen Stücke mit Ihr(er) Stimme.

Skalender:

Ist Sie nie mit euch zusammen auf der Bühne aufgetreten?

Talco:

Sie ist...nein Sie ist nie mit uns zusammen aufgetreten. Sie ist ein sehr scheuer Mensch. Leider kam es deshalb noch nie zu einem gemeinsamen Auftritt mit Ihr. Aber vielleicht kommt es mal dazu. Man weiss nie...

Skalender:

Auf dem neue Album habt Ihr zwei Lieder mit der instrumentalen Unterstützung von Streichinstrumenten (Geige) produziert. Wird sich dieses Konzept auf zukünftigen Alben wiederholen? Ich denke es passt perfekt zu eurem musikalischen Mix!

Talco:

Wir mögen das auch sehr. Wir mögen das Geigenspiel in der Folkmusik und wir mixen ja Elemente des Folk mit Punk und so passt die Geige sehr gut zu unserem Stil und wir möchten noch vermehrt Geigenparts in unsere zukünftigen Liedern verwenden, vielleicht auch auf unserem nächsten Album. Die Geigenspielerin ist eine weitere Freundin von uns. Wir lieben es auch und möchten gerne weiter in diese Richtung gehen.

Skalender:

Wie haben sich Talco in Ihrem musikalischen Stil und Ihren Texten seit den Anfängen bis heute verändert? Was waren die wichtigsten Ereignisse und Personen, welche euch in dieser Zeit beinflusst haben?

Talco:

Das erste Album, der erste musikalische Schritt war mehr "free-minded" und sehr direkt in seiner Ausdrucksweise. Die Lyrics waren sehr direkt. Wir waren jung, wild und wütend. Auf diesem Album wollten wir über alle politischen Vorgänge und Methoden sprechen, die wir um uns herum sahen. Mit den zwei anderen Alben, zuerst mit Combat Circus und jetzt mit Mazel Tov, welches eine Weiterführung davon ist, wollten wir uns mehr metaphorisch ausdrücken. Über die Realität und uns selber. Auf diesen Alben haben wir weiterhin viele politische Themen zum Ausdruck gebracht, aber auch vieles über uns selber eingebracht und alles in einer metaphorischen musikalischen Botschaft verpackt. So sind wir als Künstler gewachsen. Das ist auch klar sichtbar an den Unterschieden zwischen den Texten auf Tutti Assolti und Combat Circus. Er - zeigt auf Dema - ist derjenige für die Texte, es ist alles in seinem Kopf!

Skalender:

Wie waren die Reaktionen auf euer neuestes Album von euren Fans oder Kritiken/Reviews? Denkt Ihr, dass Talco mit dem neuen Album mehr Menschen erreicht hat als zuvor?

Talco:

Betreffend Reviews: da gab es nicht grosse Unterschiede; jedes Review war sehr positiv, was aber eigentlich auch bei den anderen Album in etwa so war. Den Hauptunterschied sehen wir vor Allem bei unseren Liveauftritten. Es kommen mehr Menschen zu unseren Shows, wenn wir auf Tour waren in Deutschland oder Österreich war es meistens voll mit Leuten und sie kennen auch unsere Lieder. Wir denken, dass wir mit dem neuen Album weitere Fans bekommen haben und das ist sicher gut für uns. Die Reaktionen auf das neue Album waren insgesamt sicher positiv.

Skalender:

Auf allen drei bisherigen Alben habt Ihr im Booklet alle Songtexte in die englische Sprache übersetzt. denkt Ihr, dass die Leute, die auf eure Konzerte kommen oder eure Cds kaufen, sich näher mit den Inhalten auseinandersetzen, die Ihr in euren Liedern verarbeitet?

Talco:

Ein Teil unseres Publikums ist politisch interessiert, ein andere Teil ist es nicht. Wir sind auch Musiker, nicht nur ein politisches Projekt. Ich denke, wenn eine Band ausschliesslich über Politik spricht und nichts anderes, wie es viele Punk Bands tun, dann bringen Sie gute und wichtige Texte, aber sie wissen teilweise nicht wie gute Musik zu spielen und das ist nicht gut. Einige Leute kommen nur an unsere Konzerte wegen unserer Musik und andere wegen unseren Texten.

Skalender:

In Deutschland, wo Ihr im Vergleich zu anderen Ländern einen sehr populären Status geniesst, wurdet Ihr für gewisse Passagen in euren Texten auf dem ersten Album kritisiert. zB für gewisse undifferenzierte Kritik in Corri im Zusammenhang mit den Nahostkonflikt. Wie steht Ihr zu solcher Kritik und Kritikern an euren Liedtexten?

Talco:

Du sprichst sicher Corri an!? Wir haben einen Schlussstrich gezogen unter diese ganze Geschichte und wir haben uns entschieden, diesen Song nicht mehr wieder zu spielen. Dieser Song wurde in einer ganz anderen Zeit geschrieben und wir waren jung damals. Die Situation heute ist eine ganz andere. Aus diesen Gründen macht es keinen Sinn mehr diesen Song weiterhin zu spielen. Die Leute, die uns kritisiert haben, sind nicht so...wie soll ich sagen..es sind sicher eine kleine Gruppe, die diese Kritik geäussert haben und es ist sehr schwierig mit diesen Leuten darüber zu sprechen. Viele andere Bands wurden ja auch ähnlich kritisiert (Banda Bassotti, SKA-P, Los Fastidios...) Aber sie (Die Kritiker) wollten nie darüber sprechen. Wir haben es oft versucht, aber diese Kritiker haben dadurch auch gezeigt, dass sie nicht so ein demokratisches Grundverständnis haben. Wir spielen diesen Song nicht mehr, weil es keinen Sinn mehr macht auch im Bezug auf diese bestimmte Situation. Es ist lächerlich uns antisemitische Tendenzen zuschreiben zu wollen, gerade auch weil wir auf unserem neuesten Album einen jiddischen Bezug haben im Albumtitel oder mit dem Lied Il Treno (Skalender: Handelt vom Film "Zug des Lebens", eine Tragikkomödie über die Judendeportationen im 2 WK.). Für uns ist das Alles kein grosses Thema mehr und abgeschlossen

Skalender:

Vielen Dank, dass Ihr euch die Zeit genommen habt, unsere Fragen zu beantworten. Viel Spass heute Abend am Konzert!

Talco:

Ja hoffentlich. Und bis bald wieder an einer Show hier in der Schweiz, wo wir in Zukunft hoffentlich noch mehr Auftritte haben werden!